Wittener
Friedensforum
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19.09.2001
Umsicht statt Vergeltung
Gegen Kriegsrhetorik und vorschnelle Vereinfachungen

Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Kommission Justitia et  Pax, Weihbischof Prof. Dr. Reinhard Marx, zu den jüngsten  Attentaten in den USA

Die Deutsche Kommission Justitia et Pax teilt die weltweite  Bestürzung  über die furchtbaren Terrorangriffe auf New York und  Washington, D.C. vom 11. September. Mitgefühl mit den Opfern  und den Hinterbliebenen der Toten stehen an erster Stelle, wenn  nach einer Antwort darauf gesucht wird, welche Reaktionen  angesichts dieser Tragödie angemessen sind. Wir teilen die  Empörung vieler Menschen. Ihr Ruf nach Vergeltung, der in diesen  Tagen immer wieder laut wird, ist in einer solchen Situation  verst ändlich.

Dennoch läßt sich aus diesen spontanen Empfindungen noch nicht  herleiten, was ein verantwortlicher Umgang mit der gegenwärtigen  Krise verlangt. Ein Handeln aus dem Bedürfnis nach Rache ist  weder moralisch akzeptabel noch Ausdruck politischer Klugheit.  Es widerspricht sowohl den im Rahmen der UNO festgelegten  völkerrechtlichen Normen als auch den Prinzipien christlicher  Moral und läuft Gefahr, den eingetretenen Schaden nur zu  vergrößern.

Stattdessen kommt es darauf an, den Gang der kommenden  Ereignisse unter Kontrolle zu halten: Es muss verhindert werden,  dass die den Terrorangriffen folgenden Auseinandersetzungen in  einen großen Krieg münden, den niemand wollen kann. Die Art und  Weise, wie  über die krisenhaften Entwicklungen öffentlich geredet  wird, wirkt aber an vielen Stellen selber eskalierend: Die  mittlerweile in Politik und Medien g ängige Rede von "Krieg",  "Feldzug", ja gar "Kreuzzug", die es zu führen gelte, bildet eine  unverantwortliche und verf älschende Verzerrung. Darin spiegelt sich  eine Mentalit ät wieder, die in keiner Weise den Geboten  angemessener politischer Analyse und F ührung entspricht.

Die ansatzhaft zu beobachtenden Reaktionen in "Cowboy- Mentalität" sind f ür das Wachsen eines nachhaltigen Friedens  nicht zutr äglich. Sofern man sich zum Gewalteinsatz entschliesst,  ist man verpflichtet, alles zu tun, damit dieser auf die strikten  Erfordernisse der Verteidigung beschränkt bleibt und seine  schädigenden Auswirkungen minimiert werden. Vor allem gilt es zu  verhindern, dass Menschen Schaden erleiden oder gar getötet  werden, die mit den Terroristen und ihren Unterstützern nichts zu  tun haben.

Vorrangig für ein entschlossenes Konzept gegen den  internationalen Terror bleiben politische Schritte. Zu ihnen gehört  eine Bekämpfung der organisierten Kriminalität, besonders dort, wo  sie mit Terrorismus in Verbindung steht. Von nicht geringerer  Bedeutung ist das langfristige Bemühen um eine durchgreifende  Verbesserung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen  der Menschen in den  ärmeren muslimisch gepr gten Ländern.  Armut und Elend führen leicht zu Entwurzelung und  Perspektivlosigkeit und verstärken oftmals die Anziehungskräfte  des Terrorismus gerade auf junge Menschen.

Auf lange Sicht aber wird es darauf ankommen, zu einer neuen  Weltordnungspolitik zu finden, die nicht allein vom Westen  dominiert ist, sondern in welcher die legitimen Interessen aller  Erdteile und Regionen berücksichtigt werden. Die in diesen Tagen  immer wieder zu vernehmende Rede von der "zivilisierten Welt"  erscheint mindestens missverst ändlich, weil sich "der Westen"  damit jeder eigenen Kritik zu entziehen scheint. Nachhaltiger  Friede wird nur möglich sein, wenn die Traditionen und Blickwinkel  aller Völker, Kulturen und Nationen dazu beitragen können. In  diesem Rahmen ist insbesondere an den Friedensprozess  zwischen Israelis und Palästinensern zu denken, der zügig  revitalisiert und vorangebracht werden muß. Zu den Bedingungen  für gelungenen Frieden haben die Deutschen Bischöfe in ihrem  Wort "Gerechter Friede" vom letzten Jahr ausführlich Stellung  bezogen.

Vielleicht am wichtigsten ist in dieser Stunde eine klare Botschaft  des Westens an die Muslime: Wir wissen, dass für deren   überwiegende Mehrheit terroristische Gewalt keine legitime Option  darstellt. Wir sehen mit Respekt, dass die Gewalttätigkeiten auch  unter den Muslimen vielfache Verurteilung finden. Wir appellieren  an die friedliebenden Kräfte im Islam zu einem Engagement aus  ihrem Glauben, das sich nicht entmutigen lässt.
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Trägerorganisation der Deutschen Kommission Justitia et Pax sind
die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken. Die Deutsche Kommission Justitia et Pax
hat den Auftrag, einen kirchlichen Beitrag zur Entwicklungs-,
Friedens- und Menschenrechtspolitik zu leisten.